Auf Einladung der Projektleitung trafen sich am 16. September rund 20 Vertreter*innen kirchlicher und kirchennaher Bildungsträger im Internationalen Evangelischen Tagungszentrum Wuppertal „Auf dem heiligen Berg“ , um sich über Bedarfe und Potenziale eines theologischen Bildungscampus auszutauschen. Die Veranstaltung zeigte, dass es viele gemeinsame Ziele im Bildungsbereich gibt. Sie zeigte aber auch, vor welchen Herausforderungen die Projektleitung steht, dem Auftrag der Landessynode gerecht zu werden.
Die Landessynode hatte am 11. Juni beschlossen, „zur Zukunftsfähigkeit der Evangelischen Kirche und zur Stärkung der Personalentwicklung den Aufbau eines theologischen Bildungscampus zu prüfen“ und die Kirchliche Hochschule (KiHo) Wuppertal „grundlegend“ zu reformieren. Diesen Prüfauftrag delegierte die Kirchenleitung der Evangelischen Kirche im Rheinland an eine Projektleitung, der Dr. Volker Haarmann, Leiter des landeskirchlichen Dezernats 1.1 (Theologie und Gemeinde) und Vorsitzender des KiHo-Kuratoriums, sowie Prof. Dr. Jörg Kopecz, Landessynodaler und Mitglied des KiHo-Kuratoriums, angehören.
Die Bildungslandschaft in der rheinischen Kirche ist bunt
Um „gemeinsam eine mögliche Basis für eine zukunftsorientierte und nachhaltige Transformation der Kirchlichen Hochschule Wuppertal zu einem theologischen Bildungscampus“ zu erörtern, luden Haarmann und Kopecz am 16. September rund 20 kirchliche und kirchennahe Bildungsträger nach Wuppertal ein. Der Einladung folgten rund 20 Teilnehmende, die insgesamt 15 Bildungsorganisationen repräsentieren (siehe Anhang unten). Eine erste Erkenntnis ließ sich daher schon gewinnen, bevor der Workshop überhaupt begonnen hatte: Die Bildungslandschaft der Evangelischen Kirche im Rheinland ist bunt. Viele Teilnehmende zeigten sich angesichts dieser Vielfalt sichtlich überrascht.
Eine zweite Erkenntnis ließ ebenfalls nicht lange auf sich warten, sie folgte der einleitenden Kennenlernrunde. In wechselnden Gruppen stellten die Teilnehmenden sich und ihre Organisationen vor. „Wir haben uns echt viel zu sagen“, stellte eine Teilnehmerin anschließend fest.
Herausforderungen, mit denen die Bildungseinrichtungen kämpfen, gleichen sich
Die Ergebnisse, die drei Arbeitsgruppen nach einem einstündigen Austausch in kleineren Runden auf Metaplan-Wänden präsentierten, förderten eine weitere Gewissheit zu Tage: Die Herausforderungen, mit denen die Bildungseinrichtungen kämpfen, gleichen sich. Zu diesen Herausforderungen zählen einerseits die großen gesellschaftlichen Entwicklungen. Rechtsruck, Rassismus, Klimakrise, Fachkräftemangel, Fundamentalismus, Künstliche Intelligenz, Demographie und nicht zuletzt die Unterschiede in der Bildungspolitik der Bundesländer wurden in diesem Zusammenhang genannt. Zudem machen kirchenspezifische Trends, hier vor allem sinkende Mitgliederzahlen und eine erodierende Theologie- und Religionskompetenz in vielen Bevölkerungsgruppen den Verantwortlichen Sorgen. „Ich kann heute nicht mehr voraussetzen, dass die Leute die Geschichten aus der Bibel auch nur ansatzweise kennen“, schilderte eine Teilnehmerin einen Ausschnitt aus ihrem beruflichen Alltag. All diese Argumente und Anekdoten waren wenig strittig. Darüber gab es kaum Diskussion.
Nicht mehr ganz so einig zeigten sich die Teilnehmenden bei den Ideen und Konzepten, mit denen sich diesen Herausforderungen aus Sicht kirchlicher Bildungsträger begegnen lässt. Eine Teilnehmerin mahnte an, Angebote zu entwickeln, die theologische Sprachfähigkeit für Haupt- und Ehrenamtliche auf hohem Niveau vermitteln. „Die Leute erwarten keine labbrigen Brötchen, sondern Schwarzbrot.“ Eine andere forderte mehr Erfahrungsräume für Transzendentes ein. „Wir brauchen Orte, wo die Menschen den Glauben erleben.“ Darüber hinaus wurden Vernetzung, multiprofessionelle Teams und die interkulturelle Öffnung als wichtige Pfeiler der theologischen Bildungsarbeit vorgeschlagen. Wie groß die Unsicherheiten im Hinblick auf die eigene Wirkkraft inzwischen sind, brachte eine Teilnehmerin mit dieser Frage auf den Punkt: „Was verstehen wir eigentlich unter theologischer Bildungsarbeit?“ Andere Anwesende ergänzten: „An welche Gruppen muss sich theologische Bildungsarbeit richten? Und welche Durchlässigkeit muss sie bieten, wenn Haupt-, Neben- und Ehrenamt immer weiter verschmelzen?“
Die kirchlichen Bildungsträger unterscheiden sich wesentlich in ihrer Struktur
Eine schlüssige Antwort auf diese Fragen zu geben, zählt sicherlich zu den Grundvoraussetzungen dafür, einen neuen theologischen Bildungscampus zu denken und anschließend zu schaffen. Dass diese Antwort aktuell fehlt, zeigt, vor welchen Herausforderungen die Projektleitung steht, dem Auftrag der Landessynode in allen Dimensionen gerecht zu werden.
Hinzu kommen weitere erschwerende Faktoren. So unterscheiden sich die kirchlichen Bildungsträger teilweise wesentlich in ihrer organisatorischen und wirtschaftlichen Struktur. Während einige als kirchliche Einrichtungen agieren, haben sich andere als Verein gegründet. Einige Bildungseinrichtungen werden direkt von einer oder mehreren Landeskirchen finanziert, andere finanzieren sich über staatliche Zuschüsse, Mitgliedsbeiträge oder Spenden. Einige der anwesenden Bildungsträger lehnten es daher explizit ab, sich jenseits inhaltlicher Fragen am Aufbau eines theologischen Bildungscampus zu beteiligen. Andere wiederum äußerten die Sorge, durch eine Beteiligung den eigenen Status quo zu gefährden.
Teilnehmende warnen davor, der „Faszination der Autoritäten“ zu erliegen
Um den inhaltlichen Findungsprozess zu erleichtern, forderten Teilnehmende die Projektleitung auf, diesen stärker zu flankieren. Etwa durch eine Einordnung der Ideen, die bei der Gründung des Theologischen Zentrums Wuppertal vor fast 20 Jahren entwickelt wurden. Welche sind davon für die heutige Situation interessant? Welche relevanten Vorarbeiten wurden damals geleistet? „Damals“ wurden die kirchlichen Einrichtungen, die auf dem Heiligen Berg tätig waren, zu einer organisatorischen Einheit zusammengefasst. In der Zwischenzeit wurde diese Reform aber wieder rückgängig gemacht.
Auch der hohe Zeitdruck wurde in Frage gestellt. Eine Arbeitsgruppe beispielsweise gab zu bedenken, dass eine dezentral-demokratisch organisierte Kirche angesichts des engen Terminrahmens Abschied von den eingespielten Prozessen nehmen und der „Faszination der Autoritäten“ erliegen könne. Die Projektleitung muss der Kirchenleitung und den synodalen Ausschüssen bis Dezember ein Konzept für einen theologischen Bildungscampus vorlegen, damit darüber auf der Synode im Februar 2025 diskutiert werden kann.
Schließlich wurde angemahnt, den Finanzierungsrahmen für den Bildungscampus konkreter abzustecken. Die Landessynode hatte in ihrem Beschluss festgehalten, dass die Landeskirche nach Einschätzung des Finanzausschusses 2031 nur noch die Hälfte der derzeit für die Arbeit der Kirchlichen Hochschule Wuppertal bereitgestellten Mittel aufbringen könne. Aber welche Bedeutung hat dieser Passus für den Aufbau eines Bildungscampus? Und ist dieser Aufbau mit der Hälfte dieser Mittel überhaupt möglich? „Es gibt die Tendenz, in diesem Findungsprozess zu viele ideelle Werte zu formulieren“, sagte ein Teilnehmer. Das aber helfe nicht weiter, da Bildung in jedem Fall Gebäude, Personen und Infrastruktur brauche. „Bildung kann nicht kostendeckend sein. Nur auf dieser Grundlage lässt sich ernsthaft diskutieren.“
Fakten, Emotionen und Hoffnungen verweben sich aktuell facettenreich ineinander
Gegen Ende des dreieinhalbstündigen Workshops zeigte sich, wie facettenreich sich Fakten, Emotionen und Hoffnungen bei der Entwicklung eines theologischen Bildungscampus aktuell ineinander verweben. Auch das wirkte wie ein Erkenntnisgewinn, veranlasste die Projektleitung aber mehrmals dazu, auf die eigentliche Zielsetzung des Workshops hinzuweisen: Das persönliche Kennenlernen und der inhaltliche Austausch sollten an diesem Abend im Vordergrund stehen, noch nicht die Suche nach Lösungen. Zudem würden aktuell Ideen für einen theologischen Bildungscampus in Wuppertal gesucht, aber nicht für die Reform der kirchlichen Bildungsarbeit in Gänze. „Wir müssen den Fokus auf den Bildungscampus und die KiHo legen, sonst bewundern wir zu sehr das Problem“, sagte Kopecz. Gleichzeitig unterstrich er, dass „es am Ende sicherlich keine Lösung geben wird, die allen Betroffenen gefällt“.
Feurige Leidenschaft an der eigenen theologischen Mission
Damit standen am Ende viele offene Fragen spürbar im Raum: Ist das nicht alles viel zu komplex? Gibt es überhaupt eine Chance auf Transformation in der kirchlichen Bildungsarbeit? Bei der KiHo? Auf dem Heiligen Berg? In der Evangelischen Kirche? Wie lässt sich dieser Gordische Knoten zerschlagen?
Durch die feurige Leidenschaft an der eigenen theologischen Mission, schlug eine Teilnehmerin vor. „Wir haben einen großen Schatz, den wir noch einmal neu entdecken müssen“, sagte sie. „Ich jedenfalls brauche dieses Feuer, um mich und meine Arbeit zu verändern.“
Diese Bildungsträger nahmen an dem Workshop teil:
- Amt für Jugendarbeit
- Bibelwerk
- Diakon*innenausbildung
- Evangelische Jugend im Rheinland
- Evangelische Akademien
- Evangelische Erwachsenenbildung (EEB) und Laien-Uni
- Erprobungsräume
- Johanneum
- KiHo-Rektorat
- KiHo-wissenschaftliche Mitarbeiter*innen
- KiHo-Studierende / AStA
- Pädagogisch-Theologisches Institut (PTI)
- Pastoralkolleg
- Predigerseminar
- Vereinte Evangelische Mission (VEM)